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Karl Valentin und München

Alle lieben ihn. Karl Valentin gut zu finden ist ähnlich unumstritten wie: „Im Frühling trink ich schon gern a frische Mass im Biergarten.“ Quasi allgemeingültig. Doch wer kennt denn den Valentin eigentlich? Also etwas mehr als die je nach Thematik überstrapazierten Aphorismen. „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ oder „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ Das schon, jaja, kennen wir alle. Aber das ist ja nicht alles. Noch nicht mal ein Bruchteil vom umfangreichen und vielseitigen Werk des Münchner Vorzeige-Komikers.

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curt Magazin #83

Hier sei eine sträflich verkürzte Biografie zur ersten Orientierung geboten: Karl Valentin wird 1882 in der Au geboren als Sohn eines Hessen und einer Sächsin, Zuagroaste. Zwar lebt die Familie im Glasscherbenviertel, aber die Spedition des Vaters ermöglicht ihr einen gewissen Wohlstand. Der kleine Valentin Ludwig Fey (so der bürgerliche Name Karl Valentins) ist es gewöhnt, dass ihm ein Dienstmädchen sein Graffel wegräumt. Zudem ist er der einzige Überlebende von ursprünglich vier Geschwistern und wird dementsprechend verhätschelt. Das nährt sicher auch seine spätere Hypochondrie. Weil er evangelisch ist, geht er nicht zur katholischen Maria-Hilf-Schule wie die anderen Kinder im Viertel. Er ist schon früh ein geachteter Außenseiter, gehört nicht richtig dazu, aber unterhält seine Kindkollegen mit den ersten Theaterversuchen im Hinterhof. Später soll das so bleiben, nahbar ist er nicht gerade, eher grantig, die Grenzen zwischen Komik und ernst sind undurchschaubar. Aus der Theaterkarriere wird erst mal nichts, weil Valentin nach dem Tod des Vaters die Spedition übernimmt. Diese wird nur wenige Jahre später überschuldet verkauft, sicher ist die zunehmende Industrialisierung ein Grund dafür, aber auch der mangelnde Geschäftssinn des Jungunternehmers. Mit einer wahnwitzigen Musikmaschine, dem „Orchestrion“ tourt Valentin dann und bringt schließlich noch das letzte Familien-Geld durch. Seinen Durchbruch erlebt er erst mit der Rückkehr 1908 nach München. Er knüpft an die Volkssängerszene an, tritt mit einer Mischung aus Couplets, Vorträgen, Szenen auf, setzt dabei auf seine hagere Gestalt als Mittel der Komik. Unterstützt wird er von seinem kongenialen Pendant Liesl Karlstadt. Endlich verdient er etwas Geld, kann sich eine Film-Ausrüstung leisten und ist einer der ersten in München, die Filme machen – ein echter Pionier! Seine Qualität wird erkannt, es läuft bei Valentin. Kollegen fühlen sich durch seine avantgardistische Kunst inspiriert, Bertolt Brecht holt ihn an die Münchner Kammerspiele, in Berlin ist er ein gefeierter Star. Sein Ruhm reicht bis in die USA, er wird für seine Kurzfilme gehypt als „The German Chaplin“. Seine Reiseangst verhindert dabei noch Größeres.

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“Echt jetzt” im Frühling 2016

Alles hätte so schön sein können, wenn ihm nicht die Geschichte in die Quere gekommen wäre. In den 1930er Jahren will Valentin endlich einen richtigen, großen Film machen, nur findet sich in der düsteren Zeit für so ein Projekt kein Sponsor. Seine Bühnenkunst wird mehr und mehr skeptisch betrachtet, manche seiner Kurzfilme werden durch das Nazi-Regime verboten. Er laviert sich durch die NS-Zeit, versucht durch Mitwirken in seichten Heimat-Streifen endlich die Mittel für einen eigenen Film zu erhaschen – vergebens. Zuletzt bringt er mit der absurden, zu seiner Zeit total altmodischen Idee eines „Panoptikums“ sein Erspartes und auch das von seiner Bühnen-Partnerin Liesl Karlstadt durch. Diese erleidet einen Nervenzusammenbruch, muss mehrere Jahre pausieren.

Karl Valentin zieht sich zurück, übersteht den Krieg in der inneren Emigration in einem Häuschen in Planegg. Er soll nie mehr zum alten Ruhm zurückfinden. Ganz im Gegenteil: Ist der Krieg endlich überstanden, kann Valentin nicht an seine Erfolge aus den 20ern anschließen. München verschmäht ihn. Er kann wegen der Wohnungsnot nicht mal mehr in seine geliebte Stadt zurückziehen. Schließlich stirbt er am Rosenmontag 1948 unterernährt an einer Lungenentzündung und wohl auch an gebrochenem Herzen.

Schlimmer ist aber, was jetzt passiert. Valentin gerät in totale Vergessenheit. Die Stadt München ist 1953 nicht bereit 7000 Mark für seinen Nachlass zu berappen, sodass dieser nach Köln wandert.

Mit Achternbusch oder Fassbinder setzt in den 70ern langsam eine (Wieder)Entdeckung Valentins ein. Sein Werk wird ausgegraben, sein künstlerischer Wert endlich breit anerkannt. München liebt ihn plötzlich wieder – bis heute. Aber das offizielle München bleibt weiter zurückhaltend. So ist der einzige Ort, an dem man Valentin begegnen kann, das 1959 privat gegründete Valentin-Karlstadt-Musäum am Isartor. Immer noch kein Selbstläufer.

Vielleicht sollten wir Münchner uns öfter mal ein Herz fassen und dem echten Münchner Karl Valentin unsere Zuneigung ein bisserl mehr zeigen. Drum: Lest Valentin, hört Valentin, schaut Valentin und schaut doch mal wieder in seinem Musäum vorbei. Er tät sich sicher freuen.

(Zuerst erschienen im curt Magazin #83)

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